Lesen & Kunst - Das gibt's doch gar nicht!

Ort & Zeitraum

Realschule Stadtmitte Mülheim an der Ruhr, Kunstraum 032, ursprünglich geplant: 2.Halbjahr 2019/20, eine Doppelstunde pro Woche; Verlängerung des Projekts bis Mitte November 2020 wegen der coronabedingten Ausfälle.

Zu Beginn haben 17 Schüler*innen aus den Jahrgängen 6-8 am Projekt teilgenommen, am Schluss waren es 14 aus den Jahrgängen 7-9.

Ausgangslage, Ziele und Zielgruppe des Projekts

Die Förderung der Lesefähigkeit ist von hohem Wert für den weiteren Bildungsweg. Es gibt in Mülheim an der Ruhr bereits zahlreiche Projekte zur Leseförderung für jüngere Kinder im KiTa- oder Grundschulalter, z.B. die Lesepaten und Lesetandems des Netzwerks „Literacy“. Auch künstlerische Projekte haben oft die Kleineren zur Zielgruppe. Im Sek I-Bereich gibt es eine Lücke, in besonderer Weise in Bezug auf Kinder und Jugendliche im Seiteneinstieg. Das Projekt unterstützt hier die in der Mülheimer Bildungskette MH/0/25 verankerte Zielsetzung, das schulische Lernen aller Kinder und Jugendlichen zu fördern, explizit auch durch Angebote, die zur Steigerung bildungssprachlicher Kompetenzen beitragen.

Die Schüler*innen aus der internationalen Vorbereitungsklasse (IVK) waren zu Projektbeginn seit ca 1 ¼ Jahr in Deutschland, verfügten über Grundkenntnisse in der deutschen Sprache, hatten aber noch hohen Förderbedarf, bevor sie in die Regelklassen integriert werden konnten.

Die Schüler*innen sollten erfahren, dass Kunst ein möglicher Weg ist, sich über das Gelesene auszudrücken, wenn Sprache (noch) an ihre Grenzen gerät. Sie sollten verschiedene künstlerische Techniken kennen lernen und sie erproben. Der eigene künstlerische Ausdruck wurde gefördert und ein Weg zu kultureller Teilhabe eröffnet.

Gefördert wurden außerdem neben der Lese- auch die Kommunikationsfähigkeit sowie die Sprachfertigkeit.

Beschreibung/Inhalt

Das Projekt basiert auf dem Buch „Das gibt‘s doch gar nicht!“ von Ute Schreiber (Hase und Igel Verlag: München 2006), welches elf Geschichten in einfacher Sprache beinhaltet. Es geht darin um Begebenheiten, die im Alltag ganz normaler Kinder und Jugendlicher geschehen und vielfältige Identifikations- und Gesprächsanlässe bieten. Die einzelnen Texte sind nicht zu lang und damit für Schüler*innen im Seiteneinstieg motivierender und übersichtlicher als eine Ganzschrift.

Das Projekt begann im 2.Halbjahr des Schuljahres 2019/20 mit einer Doppelstunde pro Woche unter der Leitung von Frau Kipp (bis Juli 2020 Kommunales Integrationszentrum, seit August 2020 Lehrerin an der Realschule Stadtmitte) an der Realschule Stadtmitte und dauerte wegen der coronabedingten Unterbrechung nicht wie geplant bis zum Schuljahresende, sondern bis Mitte November 2020.

Gemeinsam wurden jeweils zunächst die Texte erschlossen und damit die Lesefähigkeit geschult. Im Gespräch über die Inhalte aus der Lebenswirklichkeit der Altersgruppe erweiterten die Schüler*innen zudem ihre Kommunikationsfähigkeit. Zur Förderung der Sprachfertigkeiten wurden weiterhin die Arbeitsblätter aus dem zur Lektüre passenden Arbeitsheft eingesetzt. Dies alles fördert die Integration ins Bildungssystem.

Der schriftliche Ausdruck fällt geflüchteten und zugewanderten Kindern jedoch meist auch am Ende der Erstförderung oder mit Beginn der Anschlussförderung noch schwer. Aus diesem Grund sollte nicht, wie oft im Deutschunterricht üblich, ein klassisches, in der Hauptsache schriftliches Lesetagebuch entstehen, sondern ein Artbook, welches den künstlerischen Ausdruck deutlich in den Vordergrund rückt.

Künstlerisches Schaffen war vielen geflüchteten Schüler*innen bisher nicht möglich gewesen. Mit den Texten als Grundlage ergaben sich verschiedene Möglichkeiten, Eindrücke aus dem Gelesenen und Bezüge zum eigenen Lebensweg mit verschiedenen Techniken zu be- und verarbeiten. Selbst praktische Erfahrungen mit Kunst zu sammeln, eröffnete den Schüler*innen einen Weg zu kultureller Teilhabe. Durch die Anschaffung wertiger Kunstmaterialien konnte das Projekt nachhaltig gelingen, denn das entstehende Artbook motiviert als Gesamtkunstwerk zur weiteren Beschäftigung mit Büchern und Kunst.

Neben der Arbeit in der Schule wurde in Zusammenarbeit mit der Museumspädagogin Frau Walter vom Kulturbetrieb das Museum Temporär besucht, wo die Ausstellung „botanoadopt“ besucht und neben der Museumspädagogin auch die beiden Künstler, Torsten Grosch und Haike Rausch, zum Gespräch getroffen wurden. Dies war für alle Schüler*innen der erste Museumsbesuch, sodass sie eine für sich neue Welt kennen lernen konnten.

Die entstandenen Artbooks sollten eigentlich in der Schule ausgestellt werden, sodass die Seiteneinsteiger*innen sicherlich positive Rückmeldungen zu ihren Lernfortschritten erhalten und so ihren Platz in der jeweiligen Schulgemeinschaft weiter gefestigt hätten. Aufgrund der Hygienevorschriften war dies leider nicht möglich, da die Bücher durchgeblättert werden müssten, was während der Pandemie nicht erlaubt ist.

Zum Ende des Projekts war ein öffentlicher Präsentations- und Vorleseabend im Museum Temporär geplant, zu dem auch die Eltern eingeladen werden sollten. Das Erlebnis einer gemeinsam gestalteten, öffentlichen Abschlusspräsentation im städtischen Museum hätte sicherlich zu einer Verbesserung der Integration in die Stadtgesellschaft beigetragen. Anstelle dieses Abends wurde zum Abschluss des Projekts eine Werkstatt „Drucken zu Corona-Zeiten“ durchgeführt. Als Ergebnis konnten die Schüler*innen selbst gestaltete „Bleib gesund!“-Karten an ihre Eltern und andere wichtige Menschen weitergeben. So wurde das Projekt am Ende noch mittels einer weiteren künstlerischen Technik mit der aktuellen Lage verknüpft

Die angeschafften Materialien verbleiben an der Schule, ebenso die von Frau Kipp erarbeiteten Unterlagen und Aufgabenformate. Auf dieser Grundlage kann das Projekt wiederholt werden, sobald die nächste Gruppe von Seiteneinsteiger*innen mindestens die Hälfte der Erstförderung durchlaufen hat und damit sprachlich in der Lage ist, mit der Lektüre zu arbeiten.

Zur Verstetigung ist durch das Kommunale Integrationszentrum nach Abschluss des Pilotprojekts geplant, das Projekt den SE-Beauftragten der weiterführenden Schulen in Mülheim zu präsentieren und ihnen auch alle Unterlagen zur Verfügung zu stellen.

2021 wird zudem die Renovierung des Museums in der alten Post abgeschlossen sein, sodass dann größere Räumlichkeiten zur Verfügung stehen als derzeit im Museum Temporär. Perspektivisch wäre es möglich, das Projekt dann schulübergreifend auch komplett in der Museumswerkstatt anzubieten, angeschlossen an Frau Walter und die Museumspädagogik des Kulturbetriebs, mit der ja auch jetzt schon zusammengearbeitet wurde.

Träger & Kooperationspartner

Träger:

Realschule Stadtmitte, Oberstraße 92-94, 45468 Mülheim an der Ruhr

Kooperationspartner: 

Barbara Walter M.A., Kunstvermittlung & Museumspädagogik im Kulturbetrieb der Stadt Mülheim an der Ruhr

Museum TEMPORÄR des Kunstmuseums Mülheim an der Ruhr

Tipps & Tricks

Die Schüler*innen sollten zu Beginn des Projekts in der zweiten Hälfte der Erstförderung sein, da der sprachliche Anspruch des Buches sonst zu hoch wäre. Inhaltlich ist zu bedenken, dass die Lektüre etwa bis zum Alter von 14 Jahren geeignet ist. Für ältere Schüler*innen könnte ein vergleichbares Projekt z.B. mit der vereinfachten Fassung des preisgekrönten Jugendromans „Erebos“ von Urzula Poznanski durchgeführt werden.

Man sollte sich bewusst machen, dass die Schüler*innen im Seiteneinstieg in der Regel über wenige bis gar keine Vorerfahrungen in künstlerischem Schaffen verfügen.

Aufwand

Im Idealfall steht ein Halbjahr lang eine Doppelstunde pro Woche zur Verfügung. Da das Material nach der Pilotphase aufbereitet zur Verfügung steht, hält sich der Aufwand bei einer Wiederholung in Grenzen.

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